Giacomo Agostini kehrt zurück nach Francorchamps

"Francorchamps war sehr gut, weil es schnell und schwierig war"

 

Giacomo Agostinis Rückkehr nach Spa-Francorchamps wird eine der Hauptattraktionen der diesjährigen 500-ccm-Parade zu "Bikers’ Classics" sein. Der italienische "Maestro" gewann acht Rennen auf dem langen und gefährlichen Kurs, und er wird zurückkommen mit seiner geliebten 3-Zylinder-MV Agusta von 1968.

Obwohl Ago - so ist er nicht nur in der Rennszene bekannt - für Yamaha 1975 den ersten 500 ccm-Weltmeistertitel gewann (es war gleichzeitig der erste Halbliter-Zweitakt-WM-Titel!), ist er doch in erster Linie als MV Agustas erfolgreichster Fahrer in Erinnerung. Er gewann sieben Weltmeistertitel und 62 Grand Prix in der "Königsklasse" für die italienische Marke, dazu sechs 350er Titel. "Il Magnifico" zelebrierte 1976 auch MV Agustas Schwanengesang, als er den Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring in der Halbliterklasse gewann; es war sowohl für Agostini als auch für MV Agusta der letzte Grand-Prix-Sieg.
In Spa-Francorchamps siegte Ago zum ersten Mal 1966 - es war auch das Jahr seines ersten Titelgewinnes -  und stand in den Folgejahren bis 1973 immer auf der höchsten Stufe des 500-ccm-Siegerpodestes (350er-Siege waren damals nicht möglich - die Klasse wurde in Spa nicht ausgetragen).
Nun, 47 Jahre nach seinem ersten Sieg in den Ardennen, gesteht er ein, dass er sich daran nicht mehr erinnern kann. "Wenn man so lange Rennen gefahren ist wie ich, dann ist es unmöglich, sich an alles zu erinnern" lächelt Ago. Aber natürlich erinnert er sich an die Strecke, die damals über 14 km lang war. "Francorchamps war excellent zu fahren, denn es war so schnell und schwierig. Ich bin sicher, dass der Ardennenkurs für jeden Fahrer eine besondere Herausforderung war, auch weil es oft kalt war und das Wetter zudem sehr schnell wechselte".

Nachdem Giacomo Agostini seine ersten Loorbeeren in Italien errungen und die ersten Weltmeisterschaftsläufe 1964 auf Morini absolviert hatte (4.Plätze auf der Solitude und in Monza), holte ihn Conte Domenico Agusta 1965 in sein Team. Offiziell als "Unterstützer" der damaligen Nummer 1 im Stall Agusta, Mike Hailwood, unter Vertrag genommen, wurde des Grafen Absicht bald offenkundig - er wollte endlich einen seiner Landsleute als permanenten Siegfahrer haben. 1965 war zwar quasi ein "Lehrjahr" für "Ago - einen besseren "Orientierungspunkt" als "Mike the Bike" konnte er ja gar nicht haben; dessen Unterstützung hielt sich aber erklärlicherweise in Grenzen. Ago´s Kommentar dazu: "Das ist normal, jeder will schließlich gewinnen!". Dass er den Engländer in der 350er Klasse gleich beim ersten Grand Prix der Saison auf dem Nürburgring besiegte und zudem am Ende besagter Saison knapp am 350er-Titelgewinn vorbeischrammte zeigt aber, dass Conte Agustas Wahl besser nicht hätte sein können. Mike Hailwood, ein absoluter Siegfahrer, spürte die Entwicklung und wechselte Ende 1965 zum japanischen Erzrivalen Honda.

1966 war ein hartes Jahr, Honda hatte ein Vierzylinder-Kraftpaket entwickelt, das aber die typischen "Geburtswehen" zeigte. Am Ende der Saison hatten die Japaner zwar 5 Siege auf dem Konto gegenüber "nur" 3 Agostinis. Die Honda-Siege fielen aber auf Jim Redman (2) und Mike Hailwood (3). Da der Rhodesier die Saison nach dem Training des GP in Spa-Francorchamps beenden mußte - er stürzte schwer und mußte seine Laufbahn beenden, zahlte sich die Zuverlässigkeit Agostinis und seiner MV Agusta in Form des Weltmeistertitels aus. Es war der Beginn einer einmaligen Serie von Titelgewinnen der Kombination Agostini/MV Agusta, die erst 1973 zu Ende ging. Nach dem erneuten Scheitern Mike Hailwoods auf Honda 1967 - es war denkbar knapp, am Ende hatte "Ago" einen zweiten Platz mehr - zog sich Honda ab 1968 für lange Zeit aus der Weltmeisterschaft zurück, Giacomo Agostini und seiner MV Agusta die vollkommene Kontrolle überlassend. Der Italiener hatte allerdings gemischte Gefühle zu Hondas Entscheidung:"Einerseits war ich froh, dass sich Honda zurückgezogen hatte, denn sie waren sehr schnell und Mike ein fantastischer Fahrer. Andererseits hatte der Kampf mit Mike eine besondere Würze, ihn schlagen zu können war etwas ganz Besonderes. Für mich war Mike der beste Fahrer, gegen den ich je angetreten bin".
Für Jahre setzte MV Agusta alle Karten auf seinen italienischen Superstar. Dieser fühlte aber trotz seiner Dominanz immer einen gewissen Druck, welcher sich aus der zumeist alleinigen Verantwortung für die Marke ergab. "Einerseits war es ein fantastisches Gefühl zu wissen, dass sich alles um meine Person drehte" sagt Ago. "Aber jeder erwartete von mir auch den Sieg. Und nicht nur die Enthusiasten, sondern im Wesentlichen die Mechaniker, Teammanager Arturo Magni und das MV-Management. Ich hatte Verständnis dafür. Wenn jeder auf dich fokussiert ist, dann erwarten sie eine Gegenleistung - das ist absolut normal".

Vierzig Jahre nach seinem letzten Sieg in Spa-Francorchamps, als er seinem damaligen Teamkollegen Phil Read im Ziel mehr als eine Minute abnahm, wird Giacomo Agostini an den Ort zurückkehren, wo ihm Einmaliges gelang - acht aufeinanderfolgende 500er Siege. "Ich komme mit meiner eigenen 500-ccm-Dreizylinder von 1968" erklärte der 15-fache 500 ccm- und 350 ccm-Weltmeister. "In der Halbliterklasse war dieses Motorrad mein Favorit. 1966 hatten wir eine 350er auf 420 ccm aufgebohrt. Wir verbesserten das Motorrad Jahr für Jahr und letztendlich war es eine sehr gute Maschine -sie gab mir ein fantastisches Fahrgefühl".
Große Gefühle wird es unzweifelhaft auch geben, wenn Ago mit den ebenfalls in Spa-Francorchamps siegreich gewesenen Wayne Gardner und Wil Hartog während der GP 500-Parade um den Kurs fahren wird.
 

Bilder: Jan & Hetty Burgers